
10. September 2025
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08:00
Fortsetzung: Netzanschlussverfahren
Technik gegen Interpretationsrisiken
In unserem letzten Artikel haben wir beleuchtet, wie unscharfe Interpretationen der 5 %-Regel bei schnellen Spannungsänderungen Projekte ins Wanken bringen können – insbesondere bei der Zuschaltung großer Transformatoren. Die Ursache: Werden Transformatoren im falschen Moment eingeschaltet, führt das zu Spitzenströmen und Spannungseinbrüchen, die normative Grenzen sprengen. Die Folge: Projektverzögerungen, technische Nachbesserungen und Unsicherheiten in Planung und Betrieb.
In dieser Ausgabe möchten wir nicht beim Problem stehenbleiben, sondern mögliche Lösungsansätze vorstellen – und aufzeigen, warum wir Controlled Switching für den derzeit effektivsten und ressourcenschonendsten Weg halten.
Die ungezielte Zuschaltung eines Transformators kann zu erheblichem Einschaltstrom führen – je nach Phase der Sinuswelle und abhängig vom Restmagnetismus des Trafos. Dieser sogenannte Inrush Current kann Spannungseinbrüche von deutlich mehr als 5 % verursachen. Für Netzbetreiber stellt das ein Risiko für die Netzstabilität dar, für Projektierer wiederum bedeutet es Planungsunsicherheit.
Mögliche Lösungsansätze
Es gibt verschiedene technische Verfahren, um Einschaltströme zu reduzieren:
Pre-Insertion Resistors (Vorwiderstände): Sie schalten beim Einschalten kurzzeitig einen Widerstand in Reihe, um den Einschaltstrom zu dämpfen. Allerdings sind sie verschleißanfällig und erhöhen den Wartungsaufwand.
Thermistoren (NTC/PTC): Eine einfache Lösung für kleine Transformatoren – im großen Maßstab jedoch unpraktikabel, da sie Abkühlzeiten benötigen.
Soft-Starter: In der Motorentechnik etabliert, für Transformatoren aber nur eingeschränkt geeignet, da sie keine präzise Kontrolle über den Einschaltmoment bieten.
Konstruktive Maßnahmen: Trafos mit reduziertem Restmagnetismus im Kern helfen, sind aber von den Herstellern abhängig und nicht kurzfristig einsetzbar.
Der technisch überzeugendste Ansatz heißt jedoch Controlled Switching bzw. Point-on-Wave-Schalten: Der Schaltvorgang erfolgt präzise an einer definierten Stelle der Sinuswelle, sodass Spannungsspitzen und Einschaltströme zuverlässig minimiert werden. Das Ergebnis: Schwankungen bleiben messbar unterhalb der 5 %-Grenze – und sind damit normkonform. Aus unserer Sicht ist Controlled Switching die derzeit beste Lösung: Sie verbindet Effektivität mit Ressourcenschonung, reduziert Diskussionen über Interpretationen und schafft eine messbare, reproduzierbare Grundlage für alle Beteiligten.
Praktische Umsetzung – was benötigt wird
Um Controlled Switching umzusetzen, braucht es zusätzliche Messtechnik und eine intelligente Steuerung. Typischerweise umfasst das:
Spannungsmessung auf der Mittelspannungsseite (eine Phase reicht zur Synchronisation),
Strommessung über geeignete Sensoren (klassische Stromwandler oder hochauflösende Alternativen),
bei Bedarf Spannungsmessung auf der Niederspannungsseite über alle drei Phasen zur genaueren Erfassung,
sowie eine separate Steuer- und Schutzeinheit, die den optimalen Einschaltzeitpunkt berechnet und den Leistungsschalter ansteuert.
Die Investitionskosten liegen derzeit bei etwa 35.000 € pro Station (inkl. Gerät, Messung und Inbetriebnahme). Im Verhältnis zu Bau- und Projektkosten sowie den Risiken von Verzögerungen oder Nachrüstungen ist das eine überschaubare Summe.
Unsere Gespräche in der Branche zeigen: Es wird aktuell an realitätsnäheren Berechnungsformeln gearbeitet, die – in Verbindung mit belastbaren Daten von Trafoherstellern – künftig noch präzisere Prognosen zu Spannungsschwankungen erlauben werden. Das bestätigt den Trend: Weg von unklaren Interpretationen, hin zu nachvollziehbarer, technischer Kontrolle. Controlled Switching schafft damit Planungssicherheit: Statt Diskussionen über schwammige Formulierungen in Normen liefert die Technik objektive Ergebnisse.
Ausblick & Diskussion
Controlled Switching ist kein Allheilmittel, aber für uns der derzeit entscheidende Baustein, um Netzanschlussverfahren aus der Grauzone der Interpretationen herauszuführen. Es bietet messbare Ergebnisse und verlässliche Sicherheit – für Netzbetreiber wie für Projektierer.
Wie sehen Sie das? Sollte Controlled Switching in Zukunft als Standardverfahren in Netzanschlussrichtlinien verankert werden – oder bleibt es eine projektbezogene Zusatzlösung? Wir freuen uns auf Ihre Erfahrungen und Einschätzungen.
Hinweis: Dieser Artikel gibt unsere Praxiserfahrungen wieder und ersetzt keine rechtliche Beratung.
Autor

Sophia Biller